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ADHS und Humor

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Humor kann eine wichtige Ressource für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen sein.

Die Humorvielfalt von Menschen mit ADHS ist grundsätzlich genauso unterschiedlich, wie die der restlichen Bevölkerung. Zusammenhänge zwischen ADHS und Humor wurden bislang nur sehr selten gezielt wissenschaftlich untersucht. Bei einigen Betroffenen können, mit zunehmender Symptomatiik, Auffälligkeiten diskutiert werden, die in einem Zusammenhang insbesondere mit den Symptomen Impulsivität und mangelnde Aufmerksamkeit betrachtet werden können. Aber auch die oftmals als auseinanderstrebend beschriebene Denkweise (das divergente Denken, oder Kreativität) einiger Betroffener kann den Ausdruck und die Wahrnehmung von Humor bei den Betroffenen beeinflussen.

Von Bezugspersonen und anderen Interaktionspartnern wird ein impulsiv-auseinanderstrebender Ausdruck von Humor nicht immer positiv wahrgenommen:

Viele Menschen mit ADHS haben einen wirklich guten Sinn für Humor. Sie lieben es, zu lachen, machen Witze und albern herum - letzteres aber nicht immer dann und dort, wo es angebracht wäre.[1]

— Jill McMinn

Auf der anderen Seite wird zum Beispiel in der Ratgeberliteratur sehr häufig herausgestellt, dass ADHS-Betroffene einen „ausgeprägten Sinn für Humor“ haben. Da Humor nicht nur in der zwischenmenschlichen Kommunikation wichtig ist, kann dieser gegebenenfalls eine wichtige Ressource sein. →Siehe auch: Stärken von ADHS-Betroffenen.

Wissenschaftliche Untersuchungen

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Eine kleine Untersuchung von Weyandt et al. aus dem Jahr 2013 zeigte auf, dass Korrelationen zwischen dem Schweregrad der ADHS-Symptomatik und der Wahrnehmung von Humor bestehen könnten.[2] Dabei wurde sich vornehmlich auf die Dimension mangelnde Aufmerksamkeit konzentriert. Die Probanden mit schwerer symptomatischer Ausprägung zeigten eine geringere Fähigkeit zur Wahrnehmung und zum Verständnis humorvoller Stimulationen und nutzten Humor seltener als Bewältigungsstrategie. Die Autoren weisen dabei auf eine frühere Untersuchung von Attardo (1997) hin, welche aufzeigt, dass mangelnde Aufmerksamkeit mit einer langsameren Verarbeitungsgeschwindigkeit von humorvollen Stimuli korreliert.

In anderen Studien konnte gezeigt werden, dass Menschen humorvolle Stimuli - zum Beispiel einen Witz - lustiger finden, je schneller sie den Stimulus verarbeiten können, also zum Beispiel, je schneller sie den Witz verstehen.[3] Weyandt et al. gehen also davon aus, dass Betroffene mit schwerer Symptomatik seltener von humorvollen Stimuli erreicht werden und solche auch seltener ausdrücken, weil bei diesen die Verarbeitung (auch) humorvoller Stimuli beeinträchtigt ist.

Die Autoren merken an, dass eine Beeinträchtigung der Wahrnehmung von Humor zu Schwierigkeiten in der interpersonellen Kommunikation führen kann, da Humor, der weithin auf gesellschaftlichen Übereinkünften beruht, weltweit jeweils ein wichtiger Bestandteil der zwischenmenschlichen Kommunikation ist.

Eine Pilotstudie von Eberhardt et al.,[4] für die 134 nahe Angehörige von Erwachsenen mit ADHS-Diagnose nach ICD-10 im Alter zwischen 18 und 56 Jahren befragt wurden, wurde im Jahr 2016 durchgeführt. 29 % der Stichprobe würden ihre Symptomatik als schwer ausgeprägt bezeichnen, 58 % als mittelschwer. Ferner hatte die Untersuchung folgendes zum Ergebnis:

  • 31 % zeigen selbstironischen Humor
  • 18 % zeigen Bitterkeit
  • 54 % werden als „dünnhäutig“ wahrgenommen gegenüber Humor, der zu ihren Lasten geht
  • 61 % äußern sich gelegentlich in unangemessener Weise humorvoll
  • 57 % haben einen „ausgefallenen“ Sinn für Humor (für das Item nicht näher spezifiziert)
  • 77 % erzählen lebhaft und sehr lebhaft
  • 69 % erzählen ausschweifend und sehr ausschweifend
  • 61 % weisen eine starke Verknüpfung von spontaner gedanklicher Assoziation und dessen Verbalisation auf.

Deutlich wird, dass ADHS-Betroffene mit einer deutlicher ausgeprägten Symptomatik zum Äußern von für die Situation unangemessenen Witzen, zum Ausschweifen und spontanem Äußern von assoziativen Gedanken, aber auch zu lebhafter Ereigniswiedergabe neigen. Das allzu ausschweifende Erzählen, zu dem viele Betroffene zu neigen scheinen, wirkt ermüdend und nimmt zum Beispiel einem Witz die Spontanität, die den Witz im Wesentlichen ausmacht.

Auch scheint ein „ausgefallener“ Humor bei ADHS häufiger. Bitterkeit wurde vereinzelt eher für ältere Probanden angegeben, wobei sich aufgrund der kleinen Stichprobe keine Korrelation zwischen der Symptomausprägung und Bitterkeit ableiten lässt.

Für knapp ein Drittel der Befragten wurde der Faktor „Selbstironie“ angegeben. Für diese Gruppe hat Humor eine Bewältigungsfunktion.

ADHS, Humor und Coping

Humor ist eine wichtige und hilfreiche Möglichkeit des Copings und der Stressbewältigung. Dies betonen auch Greiner et al. in ihrem Werk zur Stressbewältigung bei ADHS. Betroffenen, die zu Selbstironie und zur humoristischen Neuinterpretation von Schwierigkeiten fähig sind, können ihre Beeinträchtigungen besser kompensieren. Wohldosierte Schlagfertigkeit und ein feinsinniger Humor wirken sympathisch auf andere Menschen. Generell vermutet die Wissenschaft bereits seit langer Zeit einen Zusammenhang zwischen Humor und Gesundheit.[5]

Soziale Schwierigkeiten und Ressourcen

Ein „Meme“, wie es typischer Weise in sozialen Netzwerken verbreitet wird. Aus dem Englischen übersetzt: „Ich wünschte nur, ich könnte schlafen, aber da macht mir mein blödes ADHS natürlich wieder einen Strich durch die Rechnung und naja, im Grunde, ein Schaf, zwei Schafe, Kuh, Schildkröte, Ente, Old MacDonald had a farm, HEEEEY Macarena!“.

Vor allem die Faktoren mangelnde Aufmerksamkeit sowie Impulsivität, welche an eine verstärkt assoziative Denkweise geknüpft sind, implizieren für die Betroffenen Probleme in sozialen Situationen.

Impulsivität

ADHS-Betroffene neigen dazu, ihre Gedanken spontan zu äußern. Während dies von Bezugspersonen auch gewertschätzt wird (Ehrlichkeit), ist das Verhalten ebenso mit Problemen verbunden, auch in Bezug auf den Ausdruck von Humor. Durch die mangelhafte Impulshemmung und Selbstüberwachung[6] äußern die Betroffenen Dinge, die für andere nicht lustig, sondern verletzend sind. In derselben Situation nehmen die Betroffenen dies jedoch nicht so wahr. Paradoxer Weise sind ADHS-Betroffene allerdings übersensibel gegenüber humorvollen Äußerungen, welche auf ihre Kosten gehen.

Häufig ist auch ein (durch mangelnde Impulskontrolle unwillkürliches) Ignorieren gesellschaftlicher Übereinkünfte. Für den Betroffenen wird erst nach der schriftlich erteilten Absage klar, dass schlüpfrige oder all zu alberne Witze in einem Vorstellungsgespräch eher nicht angebracht sind, auch dann nicht, wenn die Situation es herauszufordern scheint, und wenn der Personaler darauf scheinbar positiv reagiert hat.

Darüber hinaus neigen viele Betroffene zu einem spontanen Äußern von (auch durchaus absurd wirkenden) gedanklichen Assoziationen, die diese für den Moment lustig finden und anderen mitteilen. Diese Auffassung wird von Außenstehenden dann oftmals nicht geteilt oder die ständigen Bemerkungen werden als störend oder „nervig“ empfunden, woraufhin die Betroffenen Zurückweisung erfahren. Dieses Phänomen kann am besten durch eine extreme Form der Situationskomik beschrieben werden, die im jeweiligen Moment jedoch meist nur für die eine Person wahrnehmbar ist, und die auch für den Betroffenen meist nach kurzer Zeit schon nicht mehr lustig erscheint. →Siehe auch: Divergentes Denken.

Eine auseinanderstrebende Denkweise kann in der Erzählung jedoch auch zu überraschend amüsanten, unerwarteten und außergewöhnlichen Wendungen führen (Schlagfertigkeit), was von anderen in der Regel - angemessen dosiert - sehr positiv aufgenommen wird. So gibt es unter ADHS-Betroffenen zahlreiche auch international Bekannte Comedians, darunter der US-Amerikaner Will Smith oder der deutsche Comedian und Arzt Eckart von Hirschhausen. →Siehe auch: Bekannte Persönlichkeiten mit ADHS.

Hyperaktivität und Clownerie

Bei Kindern und Jugendlichen wie auch Erwachsenen mit hyperaktiver ADHS ist manchmal zu beobachten, dass diese ihre eigene Hyperaktivität in ihrem Verhalten überzeichnen (Clownerie, „Klassenclown“).[7][8] Dies stellt eine (häufig gut funktionierende) Bewältigungsstrategie dar, da das verschmitzte („Buben“-/„Wildfang“-) Verhalten oft sympathisch ankommt und humorvoll aufgenommen wird. Bedeutsam ist jedoch, dass die Betroffenen dann oftmals in die Rolle eines immer gut gelaunten Clowns geraten. Dies kann sehr belastend sein, auch, da die Betroffenen dann nicht mehr ernstgenommen werden.

Witze über ADHS

Vor allem im englischsprachigen Internet sind sogenannte „Memes“ mit dem Thema ADHS sehr verbreitet. Bei Memes handelt es sich meist um Bilder oder Videos, die witzig oder kurios sind, und die sich - vor allem über entsprechende Meme-Plattformen oder soziale Netzwerke - schnell verbreiten.[9] ADHS-Memes thematisieren meist Dinge oder Situationen, mit denen sich die Betroffenen identifizieren, oder die ADHS-typische Probleme auf humorvolle Weise beschreiben.

In ADHS-Internetforen sind Spiele wie „du hast ADHS, wenn...“ sehr beliebt. Dabei ergänzen die Teilnehmer den Satz jeweils abwechselnd mit anekdotischen Situationen, die für ADHS-Betroffene typisch sind. Zum Beispiel: „Du hast ADHS, wenn unterwegs dein Handy in der Hosentasche klingelt, obwohl du es doch zu Hause vergessen hast“.

In der Gesellschaft trifft man gelegentlich auch auf Äußerungen von Nicht-Betroffenen, die ADHS humorvoll thematisieren. So hört man zum Beispiel nicht selten „ich glaub', ich hab' ADHS“, wenn der Person ein Missgeschick passiert ist.

Siehe auch

Weblinks

Studien und wissenschaftliche Publikationen

Weitere interessante Artikel

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Einzelnachweise

  1. https://goo.gl/Y5zNwd
  2. http://digitalcommons.uri.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1006&context=psy_facpubs
  3. Cunningham, W & Derks, P. (2005). Humor appreciation and latency of comprehension. Humor, 18(4), 389–403.
  4. Eberhardt, K. et al. ADHD and Humor: Perception, Sense and Use. ADHSpedia/ADHDpedia. 2016.
  5. http://www.humorinstitut.de/media/Z-Kuiper-und-Nicholl-Sinn-f%C3%BCr-Humor-und-Gesundheit.pdf
  6. siehe dazu: https://adhsspektrum.wordpress.com/tag/wahrnehmungsstorung/
  7. Weiss M., Hechtman L., Weiss G. (1999). ADHD in adulthood. Aguide to current theory, diagnosis, and treatment. Baltimore: The John Hopkins University Press.
  8. https://goo.gl/9I0BMG
  9. https://de.wikipedia.org/wiki/Internetph%C3%A4nomen